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  • frauholla

Ein Tag im Leben von Ben

PERSONA STORIES


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»Schemenhaftes Licht, pumpender Bass. „Digga, guck mal, das Label leuchtet, mach mal Bild, mach mal Bild!“ Sein Kumpel rempelt ihn von der Seite an, reckt ihm Stolz eine leere Champagnerflasche mit wappenförmigem Aufkleber ins Gesicht. „Junge, schnell!“ Ben mobilisiert seine letzten Kräfte, um ein nicht verwackeltes Bild seines Champagnerfreundes mit der wertvollen Flasche zu machen. „Nice Mann!“ „Boah, siehst du die da hinten,“ sein Freund dreht ihn herum, beide blicken auf eine junge Frau, „die macht schon die gaaanze Zeit Auge auf dich, ich schwöre!“ Ben kneift die Augen zusammen. War sie wirklich so schön oder nur eine Fata Morgana des Alkohols? Er hat keine Zeit sich Gedanken zu machen, während sie ihn am Arm packt und kichernd vor die Tür zerrt. «


Nichts stört seinen eisernen Schlaf. Nichts, bis auf die eigene Fahne. „Boah Shit“, schwerfällig schiebt Ben seine Augenlieder auseinander, „was war das denn?“ Im Nachhinein war es keine gute Idee gewesen, von Sonntag auf Montag feiern zu gehen, aber was soll man machen, wenn die VIP-Lounge auf den Nacken des Kollegen geht? Nicht kommen ist keine Option. Nun ist es 8:30 Uhr am Montagmorgen und Bens Kopf fühlt sich an, wie ein rohes Ei in einer Hydraulikpresse. Er tastet nach seinem Handy auf dem Nachttisch, der weiter entfernt scheint als sonst, und öffnet den Kalender. „Gott sei Dank“ seufzt er, „Meeting heute erst um 10:00 Uhr, geil.“ Als er sein Handy wieder weglegen möchte, fällt ihm auf, was an seinem Nachttisch nicht stimmt. „Yo, wo bin ich“, ihm dämmert, dass die Geschichte mit dem Mädchen wohl doch kein Traum war, „das ist nicht meine Wohnung“ flüstert er. Langsam dreht er sich um, will prüfen, ob sich seine Fata Morgana doch eher als staubtrockene Wüste entpuppt. Neben sich erblickt er eine bis zum blonden Haaransatz zugedeckte Silhouette. „Hmm…“ Er beschließt zu fliehen. Das weiße Balmain T-Shirt hat er noch an. Die zerrissene DSquared Jeans liegt auf einem Stuhl am Bett. Seine Jacke mit dem silbernen Totenkopf im Sechseck funkelt ihn daneben vom Boden an. Schnell die vergoldete Taucheruhr vom Nachttisch geschnappt. Bloß nicht zu laut sein. Tür auf, durch den Flur, einmal kurz den Spiegelcheck, „wow, das Haargel hält wirklich die versprochenen 48 Stunden“, ab durchs Treppenhaus und heim mit dem Bus. „Fuck, wie peinlich“, denkt Ben und löst widerwillig die Fahrkarte, „wenn mich einer so sieht…“


„Boah, endlich“, Ben springt aus dem Bus. Zum Glück liegt die Bushaltestellt ganz in der Nähe seiner Wohnung. Es ist 9:45, bald Zeit fürs Meeting. „Provision, ich komme“, denkt er sich, während er lässig in Richtung Wohnung schlendert. Als recht neues Mitglied eines erfolgreichen Strukturvertriebes, geht es ihm finanziell entsprechend gut. Keine Frau, keine Verpflichtungen, „oh“ da fällt ihm ein, dass er seine Wäsche noch nicht von seiner Mutter abgeholt hat. Sein einziges Problem: Er liebt es trotz seines niederen Angestelltenrangens, zu leben wie der Geschäftsführer. Zumindest äußerlich. So mag seine Wohnung vielleicht nur ein Zimmer haben, doch das Auto hat dafür 8 Zylinder und eine Leasingrate, mit der er seine Warmmiete zweimal decken könnte. „Man muss Prioritäten setzen“, denkt Jan, „es braucht eben ordentlich PS, um abschleppen zu können“, er blickt verliebt auf sein mattschwarzes Auto mit glänzendem Stern, während er den Schlüssel ins knarzende Haustürschloss steckt, „mit der Bude kann ich niemanden abholen aber mit der Karre werden sie alle gern heimgefahren!“ 9:55 Uhr, er hastet das Treppenhaus hoch, poltert durch seine Wohnungstür und blickt in den Spiegel. „Okay, geht noch“, schnell Haare kämmen, Deo, anderes Shirt, und go!


Es gibt kein schöneres Gefühl als ein erfolgreiches Verkaufsgespräch. Ben ist der geborene Verkäufer. Charismatisch, extrovertiert und mit allen Markeninsignien ausgestattet, um Erfolg und Status zu unterstreichen. Oder zu suggerieren? Jedenfalls ist es für ihn ein Kinderspiel, jeden Skeptiker, den er durch seine Lead-Listen zugeschustert bekommt, derartig an die Wand zu reden, dass am Ende immer ein Abschluss stattfindet. „Ich weiß eben, was die Leute glücklich macht“ lobt sich Jan, „das muss ich denen nur beibringen.“ Die Zeit zum nächsten Termin überbrückt er mit Fitnessstudio. Er packt sich seine Sporttasche und stolziert zur Haustür. „Damit kann ich auf dem Rückweg meine Wäsche von Mama abholen“, denkt er, „und die Fitnesssachen einfach dalassen, das ist Effizienz!“. Sein Handy vibriert. Snapchat. Lovoo. Tinder. „Schon Montag, aber das Wochenende ist gesichert, nice!“ Er steigt ins Auto, startet den Motor, dank Kaltstart weiß nun der ganze Block, dass er unterwegs ist. Mit einer Hand am Steuer und einer am Handy beginnt er die Reise zur Muckibude. HUUUUUP! „Du Vollidiot“, schreit er einen Audi an, der ganz offensichtlich Bens eingebaute Vorfahrt missachtet hatte, „kannst du nicht hingucken!“

Auf dem Parkplatz angekommen entschließt er sich, zusätzlich zu den Datingapps, auch noch seine Instagram DMs zu checken, doch eine blaue Werbeanzeige erregt seine Aufmerksamkeit stärker als die Rote Bubble am Nachrichtensymbol: Mieteinnahmen – 300% in 36 Monaten – Lifestyle, Travel, Wachstum & Charity – werde Teil des Teams! „Okay, was“, fragt sich Jan im Auto, „Persönlichkeitsentwicklung brauche ich nicht, ich bin der Allergeilste, und was für Charity, wenn hier einer Geld verdient, dann ich!“ verwundert scrollt er über die Werbeanzeige hinweg und widmet sich weiter seinen Instagram Nachrichten.









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